Allein, allein

Ich hatte das hier schon lange vor und habe es trotzdem nie gemacht – alleine reisen. Einfach mal dahin fliegen, wo ich gerne hinmöchte, ohne irgendwen zu fragen, ob er mitmöchte. Keine Absprachen, welches Hostel am zentralsten ist und welcher Ort unbedingt auf die Must-See-Liste muss. Ich mache meine Liste und ich plane meine Route und wenn ich rechts lang will, biege ich rechts ab und kann trotzdem mittendrin noch entscheiden, lieber nach links zu laufen. So die Theorie. Die Praxis erwartet mich jetzt in den nächsten zwei Wochen, in Armenien und Georgien – weil ich einfach mal gedacht habe: „Warum eigentlich nicht?“

Planen

Der schönste Teil des Reisens ist oft bereits der Reiseführer – dieses farbenfrohe Teil, das am Anfang eines Trips noch gepflegt daherkommt und nach „neu“ riecht und am Ende einer Reise dann zerfleddert im Regal steht und nach „Abenteuer“ aussieht. Mich wird in den kommenden Tagen ein „Georgien, Armenien und Aserbaidschan“-Lonely Planet begleiten. Irgendwie habe ich momentan Lust auf diese Orte, wo Eltern und Großeltern sagen „Huch, ist es denn überhaupt schön da?“ und Freunde rätseln, was denn eigentlich die Hauptstadt dieser Länder ist. Georgien ist mittlerweile längst kein Geheimtipp mehr, ich war sogar selbst im Winter schon einmal dort. Im verschneiten, völlig stillgelegten Batumi (Urlaubsort am schwarzen Meer) und frostig eingefrorenen Tiflis mit bunten Holzbalkons und notdürftig geheizten Vintage-Cafés habe ich mir selbst versprochen, wiederzukommen. Im Sommer, wenn das Land blüht und auf all den hölzernen Balkons vielleicht sogar Menschen sitzen und das berühmte Gläschen georgischen Wein trinken. Armenien kam dann dazu, weil ich dort eine Freundin besuche, die von dem Land schwärmt wie von keinem anderen. Armenien und Georgien, zwei Länder mit „-ien“ am Ende, spannender Vergangenheit, wunderschönen Kirchen und unberührter Natur – eine Kombination, die sich gut anfühlt. 

Einkauf

Dann war ich einkaufen. Am Wochenende habe ich zum ersten Mal einen Laden betreten, den ich sonst lieber von außen bewundere, weil ich mich drinnen permanent fehl am Platze fühle: Globetrotter. Inmitten von riesigen Multifunktionszelt-Präsentationsflächen, Kletterwänden und Kayak-Verkaufsständen war ich auf der Suche nach etwas, das Reisen angeblich so wahnsinnig „praktisch“ macht: Ein Backpack. 

Und da stand ich dann vor einem Regal aus großen und kleinen, faltbaren und aufschnallbaren, roten, grünen, blauen und schwarzen Backpacks, für Männlein und Weiblein (mit Blümchen, versteht sich!) und fühlte mich hilflos und verloren. Um mich herum herrschte rege Betriebsamkeit, die Kundin neben mir brauchte etwas „für eine Wanderung, für die es weder Tourguides noch Wanderkarten gibt“… Ich wusste noch nicht einmal genau, was ich brauchte, aber es sollte wohl ein Rucksack sein. Für den Rücken, zum Rumlaufen, nicht Rumrollen. Eben eine von diesen „praktischen“ Anschaffungen, die ich sonst eher selten tätige.

Sonst reise ich mit Koffer. Im Normalfall ein schwarzes leicht hinkendes Ungetüm, das mich schon mit 16 Jahren in mein Auslandsjahr nach England begleitete und seitdem treu und eben etwas altersschwach bei mir geblieben ist. Koffer sind so einfach wie genial: Du rollst sie von A nach B, hast im Idealfall den Rücken frei für eine weitere Tasche und kannst sie im Hotelzimmer öffnen wie eine Schrankschublade. Alles da, alles übersichtlich. Zumindest zu Beginn der Reise.

„Mit Koffer? Nach Georgien? In irgendwelche kleinen Minibusse und am besten noch über holprige Landstraßen? Du brauchst einen Rucksack, Konstanze!“ – war dann die Reaktion meiner outdoor-erprobten Freunde, als ich zaghaft erwähnte, dass ich ja vielleicht auch einfach mit meinem allerliebsten schwarzen Ungetüm durch den Kaukasus reisen könnte. 

Und weil ich outdoorerprobten Menschen im Normalfall vertraue, habe ich mich mit eben solchen Menschen dann noch einmal zusammen in einen dieser Läden getraut. Ich ließ mich eingurten und festzurren und hatte am Ende tatsächlich einen neuen Reisebegleiter auf dem Rücken: meinen ersten Reiserucksack.

Was für andere normal scheint, ist für mich ein großer Schritt, weg von koffertauglichen Reisezielen, hin zu Orten und Gegenden, wo Reisen „praktisch“ sein muss. Ein Rucksack ist eben tatsächlich ein Reisegefährte, mit dem man alleine klarkommt – etwas, das ich selbst schultern kann. Keine helfenden Hände und kein Reisebegleiter, nur ich und meine Habseligkeiten auf dem Rücken. Auch das fühlt sich irgendwie gut an.

Ganz in der Tradition von „Eat Pray Love“ und anderen Hollywood-Selbstfindungs-Filmchen (Frau aus der Großstadt geht allein auf Wanderschaft, während andere Frauen aus der Großstadt ihr gebannt mit Popcorn im Schoß dabei zusehen), hoffe ich also auf ein neues Lebensgefühl mit diesem Ding auf dem Rücken – auch wenn sich „Freiheit“ wohl doch etwas anders anfühlt als die 15 kg, die ich mir da aufgeladen habe.

Take Off

Der Rucksack liegt nun irgendwo in den Tiefen einer S7-Airline-Maschine, während ich meinen Zwischenstopp in Moskau in einem Coffee Shop mit dem Schreiben dieser Zeilen fülle und selbst versuche, zu verstehen, wo ich jetzt eigentlich hin will und wo dieser Blog eigentlich mit mir hin will. Die Texte auf dieser Seite werden sich wohl ebenso verändern wie ich mich in den kommenden Wochen und Monaten. Heute war mir nach einem Tagebucheintrag, morgen steht hier vielleicht ein Reisebericht und übermorgen ein Porträt von einer Armenierin oder eine Fotogalerie aus dem georgischen Bergland. Vielleicht mag mir auf dieser Reise ja der ein oder andere Leser folgen – und all den Geschichten, die ich sehen, erleben und verstehen werde.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Marlene sagt:

    Liebste Konstanzi,
    es ist einfach so wunderbar leicht sich deine Abenteuer vorzustellen, wie als wäre man selbst mit dabei.
    Ich wünsche dir eine spannende Zeit und bring uns mit deinen Beiträgen weiterhin zum Lachen.
    Deine Malle

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s