Baden auf Armenisch

In Armenien gibt es einen See. Das ist wahrscheinlich nicht der einzige See, aber doch das einzige „Gewässerchen“, das einem genannt wird, wenn man nach Bademöglichkeiten oder Strand in diesem Binnenland fragt. Der Sevan See liegt etwa 45 Autominuten von Yerewan entfernt und ist in Ferienzeiten DIE Pilgerstätte für armenische Familien und ihr Picknick- und Barbecue-Equipment. Eine Fahrt dorthin überrascht jeden, der hier ein Urlaubsparadies „westlicher Art“ vermutet und beglückt denjenigen, der sich trotzdem hineinwagt – in ein Urlaubsdomizil armenischer Art.

Staubige Straßen und schwitzende Gummienten

Lange Zeit fahren wir mit dem Taxi hinaus aus Jerewan in staubiges Bergland, wo außer Menschen in Autos kaum jemand unterwegs zu sein scheint. Gerade, wenn der neugierige Tourist beginnt, sich zu fragen, wo in dieser staubigen Ödnis nun plötzlich ein See erscheinen soll, tauchen am Straßenrand einige Verkaufsstände auf: Grüne Luftmatratzen reihen sich an quietschgelbe Wasserbälle, traurig dahinhängende Gummienten schwitzen in der heißen Mittagssonne neben Schaumgummi-Stangen und anderen mehr oder weniger aufgepumpten Badeutensilien. Die Szenerie wirkt absurd: Nach wie vor ist nirgendwo am Horizont ein Tupfer der Farbe Blau zu erkennen, kein Hotelkomplex bohrt sich protzig in den blauen Himmel, noch nicht einmal ein Touri-Reisebus hat uns überholt. Von Fast Food Restaurants keine Spur. 

Irgendwann erscheint am Wegesrand dann ein abbröckelndes Schild, das azurblau anmutet und das erste Mal „Wasser“ verheißt. Wir biegen ab und ein in ein Labyrinth aus sandigen Wegen unter müden, ausgetrockneten Bäumen, das uns tiefer und tiefer hineinzieht in ein Konstrukt, das ich später als so etwas wie einen Campingplatz identifiziere. Müll häuft sich am Straßenrand, daneben grüne und blaue rostige Hütten und plötzlich Menschen, Autos, dampfende Grills und – Wasser. 

Wir lagern an einem verhältnismäßig sauberen Strand, zahlen einem erst grimmig und dann immer freundlicher dreinblickenden armenischen Großvater so etwas wie „Strand-Miete“ und tauchen ein ins kühle Nass. Der See erstreckt sich in allen Blautönen vor unseren verschwitzten Körpern, wie um uns zu sagen: „Siehst du, es gibt mich doch – in allen Farben von Wasser, die du dir nur vorstellen kannst!“

Schwimmen oder Jet-Ski

Bei meiner Runde durch die Wellen fällt mir auf, dass kaum ein armenischer Strandgast tiefer eintaucht als bis zum Bauchnabel. Dafür kurven Jet-Skis um mich herum als wäre ich ein blutender Fisch in einem Haifischbecken. Später, zurück am Strand, erzählen uns armenische Camper, das kaum einer von ihnen schwimmen kann. Selbst die Platzwart-Familie, die seit Jahrzehnten hier wohnt, schwimmt nicht. Kein Wunder, dass der Jet-Ski-Verleih hier Hochkonjunktur hat. Kein angesehener armenischer Mann scheint ohne ein solches Gerät unterwegs zu sein. Jet-Skis haben auch bei weitem mehr Sex-Appeal als Schwimmflügel.

Strandwanderung

Als uns Durst und Hunger überkommen, beginnen wir eine Strandwanderung. Auf Armenisch bedeutet das: Wir wandern die sandige Straße entlang von Camping-Areal zu Camping-Areal und halten an alten, rostigen Buden, die Cola, Bier und Wodka verkaufen. Dort treffen wir im Schatten seiner Hütte auch Arthur, einen Armenier, der sowohl Platzwart als auch Kioskverkäufer als auch Polizeioffizier zu sein scheint. Sein „God-Bless-America“-T-Shirt spannt über seinem Bäuchlein, als er uns bei einem kühlen Bier erklärt, dass Donald Trump Amerika retten wird. Politische Analyse zwischen armenischen Campinghütten. Kurz darauf posiert er noch vor der Fahne seines Lieblingsvereins für ein Erinnerungsfoto – aber nur kurz, sonst wird es ihm zu heiß in der Sonne.

Nachdem wir Getränke, Essen und den obligatorischen Wodka gekauft haben, wandern wir an weiteren grillenden Großfamilien, notdürftig geflickten Volleyball-Netzen und Haufen von Plastik-Müll vorbei zurück zu unserem Strand. Irgendwie beruhigt diese dreckige Idylle, die kaum für eine Postkarte taugen würde: Es beeindruckt, dass der Mensch selbst zwischen Müllhaufen, Rosthütten und ein bisschen See sein Ferien-Glück finden kann. Wer braucht ein All-Inclusive-Hotel, wenn er seine eigene kleine Rostlaube und ein bisschen Strand für sich hat?

Und plötzlich gehören wir dazu

Ich verstehe selbst nicht ganz, wie es dazu kommt, aber irgendwann picknicken wir mit unserer Platzwart-Familie. Der grimmig dreinblickende Platzwart kommt auf die Idee, mich mit meinen blauen Augen und blonden Haaren einfach an seinen kleinen (etwa zehnjährigen) Sohn verheiraten zu können, während der weibliche Rest seiner Familie sich mit Tellern voller Gurken und Tomaten um uns schart und ein bisschen Wodka mit uns teilt. Ich verstehe kaum ein Wort, habe aber in keinem Moment das Gefühl, außen vor zu sein. Die Platzwart-Damen glitzern am ganzen Körper: Vom Lidschatten über Ohringe bis hin zur Trainingsjacke, alles glänzt in Gold und Silber, selbst die Haarspangen. Mein ästhetisches Empfinden zuckt kurz zusammen und findet die Outfits dann doch irgendwie wunderbar passend: Die zwei wirken wie die Königinnen ihres kleinen Campingplatzes. Auch sie sind wie der Kioskbesitzer in mindestens einem weiteren Job tätig, die eine als Musiklehrerin, die andere als Soldatin. Ich frage mich leise, wie viel man wohl in diesen Berufen verdienen muss, um parallel noch Platzwärtin sein zu müssen. Einmal mehr schüttele ich diesen Gedanken dann jedoch ab: Egal, wie viel Geld in der Hinterhand – die beiden sehen glücklich aus. Von „müssen“ keine Spur.

Nach einem ausgiebigen Fotoshooting am Strand (Selfies haben auch in Armenien scheinbar einen große Anziehung) verabschieden wir uns von den Campern, nur um kurz vor unserem Taxi ein weiteres Mal zu Wodka, Grillfleisch und Lahmajun eingeladen zu werden. Ich verstecke mich hinter der Kamera, bin noch nicht trinkfest genug für Armenien.

So wie jeder hier Zeit zu haben scheint, wartet auch unser Taxifahrer geduldig, bis das letzte Stückchen Fleisch verspeist ist. Dann geleitet er uns in munterem Zustand hinaus aus diesem kleinen Labyrinth an einem See, der so plötzlich auftauchte wie all die rostigen Hütten um ihn herum. Auf dem Weg zurück passieren wir ein weiteres Mal die schwitzenden Gummienten, diesmal in der Abendsonne. Sie sehen längst nicht mehr so traurig aus. 

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