Die Quinoa-Frau 

Alles begann mit einer Bestellung bei Ebay. Ein Päckchen Quinoa-Samen für die Bauern in Armenien. Zum Anfassen, Einpflanzen, Wachsen sehen. Ein Experiment, gestartet von Taline Kevonian. Die Amerikanerin mit armenischen Wurzeln realisierte während ihrer Zeit in Washington D.C., dass sie seit vier Jahren keinen Reis mehr gegessen hatte, sondern nur noch Quinoa. Dieses körnige „Superfood“ aus Südamerika, glutenfrei und blutzuckersenkend, Verkaufsschlager in Bio-Läden und hippen Bistros in den westlichen Großstädten. Warum nicht auch in Armenien?

Taline ist gerade zurück von „ihren Bauern“, sie hat einen ihrer monatlichen Ausflüge auf die Dörfer gemacht, wo einige experimentierfreudige Bauern seit ein paar Jahren mit der Amerikanerin zusammen Quinoa anbauen. Mittlerweile wissen sie dort, wie Taline, die Ausländerin, tickt. Wenn sie nach vier Stunden Fahrt endlich eines der kleinen Dörfer erreicht, dann hat die Geschäftsfrau keine Zeit für Essen, Schnäpschen und Pläuschchen, dann will sie aufs Feld, an die Arbeit. Für ihr Quinoa-Unternehmen ist Taline fast täglich irgendwo im Land unterwegs, viel Zeit hat sie nicht. Die Bauern wundert das, in Armenien geht man die Dinge etwas ruhiger an. Aber mittlerweile ist allen klar: Diese Frau meint es ernst und jetzt geht es erst einmal raus aufs Feld.

Dass die 34-Jährige es ernst meint mit ihrem Unternehmen „Meline’s Garden“, ist unschwer zu erkennen. Bei einem Spaziergang durch die armenische Hauptstadt Yerevan fällt es schwer, mit ihrem schnellen und sicheren Schritt mitzuhalten. Man holt erst dann auf, wenn sie an der nächsten Straßenecke wieder auf irgendwelche Bekannte trifft. Der Inhalt der Gespräche scheint oft der gleiche zu sein: Sie versucht, ihre Freunde davon zu überzeugen, in ihrem Laden oder Café bald Quinoa anzubieten. Es ist das einzige Wort, das deutsche Ohren immer wieder aus dem armenischen Sprachgewirr heraushören. Quinoa.

Aufgewachsen in Los Angeles als Tochter armenischer Einwanderer aus dem Libanon, hatte Taline schon immer enge Verbindungen nach Armenien, in dieses kleine Land mit den staubigen Hügeln – eingeklemmt zwischen der Türkei, Georgien, Aserbaidschan und Iran. Sie besuchte eine armenische Schule, sprach Armenisch genauso flüssig wie Englisch und wusste lange nicht so ganz genau, wo sie eigentlich hingehört. Die armenische Diaspora-Gemeinschaft in den USA ist groß. Viele Vorfahren flohen vor dem Genozid und bauten sich dort ein neues Leben auf – inklusive armenischer Schulen und Kirchen. Ihre Abschlussfahrt führte Taline daher auch nicht nach Europa, sondern nach Armenien. Seitdem ist sie immer wieder zurückgekehrt, irgendwas ließ sie nicht mehr los. Ein Studium in Europa, eine Anstellung in Washington D.C. und dann plötzlich doch wieder der Gedanke: Das bringt doch hier alles nichts, ich will endlich selbst anpacken. Damals erlebte sie, wie ernährungsbewusste Amerikaner begannen, alle Kohlenhydrate „zum Teufel zu erklären“ und nur noch Quinoa zu konsumieren. Taline machte mit und erkannte dann: Armenien ist in seiner wirtschaftlichen Entwicklung immer etwa 15 Jahre hinterher, niemand dort kennt das „Superfood“. 15 Jahre Zeit, um mit den eigenen Händen weit weg von der westlichen Welt etwas ganz Neues zu schaffen. Der Beginn einer außergewöhnlichen Geschäftsidee.

Weiblich und dann auch noch von außerhalb

Heute hat sie vier Bauern an ihrer Seite, die auf ihren Feldern diese seltsame Inka-Pflanze anbauen, deren Samen damals per Post den Weg zu ihnen fanden. Noch immer tun sich die männlichen Familienoberhäupter schwer damit, Taline als Geschäftsfrau zu akzeptieren: „Ich bin eine Frau und dann auch noch aus der Diaspora, sie hören einfach oft nicht auf mich. Immer nur freundlich lächeln bringt da nichts. Ich musste mir hier antrainieren, sehr strikt und direkt zu sein“, erklärt sie ihre Herangehensweise. Ein bisschen Tricksen gehöre auch dazu, ergänzt sie dann mit einem Lächeln und hält ihre Hand mit einem glänzenden Ehering hoch. Verheiratet ist sie nicht.

Neben Problemen mit ihrer Rolle als weibliche Geschäftsfrau kämpft sie auch immer wieder mit Kulturunterschieden. So armenisch Taline in den USA aufgezogen wurde, so amerikanisch fühlt sie sich in Armenien. Sie ist ein lauter und direkter Mensch: Wenn etwas schief läuft, dann ist sie sauer und schimpft und flucht. 

„Bei mir gibt es dann nicht diese ‚Erstmal ein Gläschen Wodka‘-Attitüde, ich bin stinkesauer und sage das genau so auch meinen Bauern“, erläutert sie ihre alltäglichen Kämpfe mit ihren Mitarbeitern.

 Gleichzeitig ist sie mittlerweile aber auch ein Teil der Familien ihrer Bauern geworden, spielt mit den Kindern und schläft in ihren Häusern, wenn sie mal wieder ein Feld besucht. 
Wie das so abläuft auf einem Feld und was man beim Anbau beachten muss, das hat Taline sich über Jahre in Internetforen angelesen. Und dann, ja, dann vertraut sie eben auch einfach ein bisschen auf das landwirtschaftliche Talent der Landbevölkerung. Landwirtschaft ist ein wichtiger traditioneller Wirtschaftsfaktor in Armenien, jedes Dorf und jede Stadt hat eine berühmte Frucht oder ein besonders gutes Gemüse im Angebot. Die Landstraßen sind gesäumt von improvisierten Obstständen, Bergen von Wassermelonen oder frischen Tomaten. Irgendwann vielleicht auch Quinoa.

Alles für Armenien

Mittlerweile ist die Amerikanerin hier in Yerevan nur noch die Quinoa-Frau, ihr Unternehmen ist zumindest in der „grünen Szene“ in Yerevan bekannt. Man kann ihre Ware in Reformhäusern und kleinen hippen Cafés kaufen. Damit schafft Taline Arbeitsplätze und nachhaltige Perspektiven für die Landbevölkerung. Armenien ist ein kleines Land, seit dem Genozid hat sich eine große Diaspora überall auf der Welt verstreut. Es leben mehr Armenier im Ausland als vor Ort. Jährlich wandern junge Fachkräfte aus, suchen Anstellungen in Nachbarländern oder Russland. Taline will sie hier halten, bei ihren Familien und auf ihren Feldern. Irgendwann soll armenische Quinoa zwar auch exportiert werden, aber bisher ist „alles für Armenien.“ Selbst die Verpackungen sind nur auf Armenisch beschriftet und von behinderten Menschen in Yerevan hergestellt: Es soll jeder hier verstehen, dass das nicht für Amerika oder Europa ist, sondern in erster Linie für das Land selbst.

Talines Plan jedoch ist noch größer, Quinoaanbau soll nicht nur Arbeitsplätze in den Dörfern schaffen, sondern langfristig auch von den Einheimischen konsumiert werden: „Ich versuche wirklich, Quinoa auch den Einheimischen nahezubringen, indem ich ihnen erkläre, dass es gekocht wird wie Reis, aussieht wie Bulgur und einen wahnsinnig hohen Nährwert hat.“ Bisher jedoch gestaltet sich der Verkauf an die Landbevölkerung eher schwierig, auch Kostproben in Supermärkten werden von Armeniern nicht angenommen. Essen geschenkt bekommen, das hat hier etwas Anrüchiges. Einmal mehr muss die Amerikanerin lachen über diese kulturellen Besonderheiten, so charmant sie manchmal auch sein mögen, für eine Geschäftsfrau sind sie manchmal auch schlichtweg anstrengend.

„Meline’s Garden“ 

Meline, das ist der Name der armenischen Großmutter. Und der Garten? Das ist Armenien, sagt Taline. Beim letzten Besuch einer amerikanischen Freundin hier in Armenien stand sie mit ihr auf einem hügeligen Aussichtspunkt und blickte über das, was so etwas wie ihr Heimatland geworden ist. Ihre Freundin habe dann gesagt: „Danke für die Einladung in deinen Garten.“ Und genau das sei Armenien. Nicht so riesengroß wie die USA, längst nicht so ökonomisch erschlossen, sondern eben wirklich ein kleiner Garten – Talines Garten.

Talines Unternehmen bei Facebook:

https://m.facebook.com/melinesgarden/


… und die offizielle Website:

http://www.melinesgarden.com/

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