Gezähmtes Potential

Armenien ist nicht die Türkei. Armenien ist ganz, ganz sicher anders als die Türkei, darauf bestehe ich genauso wie meine türkischen und armenischen Freunde. Die beiden Länder liegen nah beieinander, sie streiten sich um einen Berg und um einen Genozid und vieles mehr und – last but not least – das eine Land ist muslimisch und das andere christlich. Was die Rolle der Frau in der Gesellschaft angeht, scheint man sich aber merkwürdig einig zu sein.

Ich habe hier viele starke Frauen kennengelernt. Da sind die Mädchen aus Karbi, die in Yerevan studieren und nun den Tourismus in ihrem Dorf aufbauen wollen. Da ist Nuard, ein armenisches Model und Bloggerin, die sich bald mit einem Mode-Business selbstständig machen will. Und da ist Taline, die hier in Armenien die ersten Quinoa-Farmen aufgebaut hat. In Gesprächen mit ihnen habe ich nur in den Zwischentönen herausgehört, dass man es als Frau hier manchmal schwerer hat, ernst genommen zu werden. Trotzdem hatte ich diesen naiven Glauben, dass man es als Frau genauso schaffen kann, eine erfolgreiche Karriere zu führen und sein Leben so zu gestalten, wie man es selbst will. 

Und dann erzählt mir Nuard bei einem Abendessen, dass viele ihrer Freundinnen ihren Freund um Erlaubnis bitten, wenn sie mit ihr einen Café trinken gehen. Dass sie währenddessen immer mal wieder auf ihr Handy blicken müssen und ein Selfie mit ihr versenden: Es wird von männlicher Seite genau kontrolliert, ob sie auch wirklich das machen, was angekündigt war. Auch nachts feiern gehen kann kritisch werden: Wird die Erlaubnis nicht erteilt, muss man vielleicht auch mal zu Hause bleiben. Das ist nicht repräsentativ und sicher auch nicht so leicht zu verallgemeinern, aber es wundert mich, dass gerade Nuard, die sicher starke, moderne Freundinnen hat, auch aus ihrem privaten Umfeld solche Geschichten erzählen kann. 



Nuard, 24 Jahre alt, armenisches Model 

Ab 30 ist man als Frau „schwer zu vermitteln“

In Armenien wird geheiratet – irgendwann in den frühen Zwanzigern und dann kann all das folgen, was das Miteinander zwischen Mann und Frau so besonders macht. Wenn eine Frau mit 30 noch unverheiratet ist, wird sie schief angeguckt und entweder als „schwer zu vermitteln“ eingestuft oder als eine Frau, die das mit den Besonderheiten zwischen Mann und Frau nicht ganz so genau nimmt und eben auch mal vor der Hochzeit mit Männern geschlafen hat. Ich habe hier eine Bekannte, die einen Ehering trägt, um nicht belästigt zu werden. 

In der Türkei habe ich Ähnliches erlebt. Dort sprach ich mit jungen, starken Frauen mit ganz großen Ideen für sich und ihr Leben und erfuhr dann, dass ihre Eltern auch nach mehreren Jahren Beziehung noch nicht ihren Freund kennengelernt haben. Sonst müsste bald die Hochzeit folgen. Meine türkischen Freundinnen waren irgendwie okay damit. Nuard scheint das mit der Hochzeit auch nicht so wild zu finden, man arrangiert sich eben.

Männer schlagen Frauen – aus Liebe ?

Schlimm findet sie anderes: Sie klagt darüber, dass schon Kinder in der Schule nicht richtig erzogen werden. Dort hält Nuard manchmal Seminare für die NGO „Society Without Violence“ und beschäftigt sich mit „gender equality“ und Stereotypen, um diese dann durch Workshops und Gespräche aufzubrechen. Gerade in ländlichen Regionen steht sie dabei viele kleine Kämpfe aus. Selbst Lehrer und Schulleiter müssen überzeugt werden, dass es wichtig ist, die Kinder aufzuklären. Und damit ist keine sexuelle Aufklärung gemeint, sondern Gespräche darüber, was Männer und Frauen in der armenischen Gesellschaft tun dürfen. Manche Lehrer sind noch überzeugt, dass ein Mann die Frau betrügen darf. Nuard hat mit Kindern gesprochen, die der Meinung waren, dass es aus Liebe geschieht, wenn der Mann die Frau schlägt. Wenn jedoch eine Frau ihren Mann schlägt, ist das ein Verbrechen. Mit Liebe hat das dann nichts zu tun. Bei einer Auflistung typischer Aktivitäten von Männern und Frauen kommt Nuard in den Dorfschulen nicht über eine bestimmte Stufe der Emanzipation hinweg: Die Frau darf Auto fahren. Das war’s.

In der Türkei bin ich damals wie selbstverständlich in das Auto einer türkischen Bekannten in Antalya gestiegen, die mich mit ihrer kleinen Tochter durch die Dörfer fuhr. Als wir an einer Tankstelle hielten, spürte ich erstmals die skeptischen Blicke der Männer um uns herum. Später verriet sie mir, dass es in manchen Teilen der Türkei nach wie vor unüblich ist, eine Frau am Steuer zu sehen. Ähnliches scheint auch in Armenien tagtäglich zu geschehen. Vielleicht nicht in Yerevan, aber auf dem Land. Einmal mehr ist das nicht repräsentativ, aber dennoch erschreckend.

„Gender“ als Schimpfwort

Einen weiteren Kampf steht Nuard dann aus, wenn sie das Wort „gender“ in den Schulen benutzt. „Gender“, Geschlecht, das ist hier ein Schimpfwort. Das Wort steht für alles, was verhasst ist: Transsexualität, Homosexualität und andere bunte Zwischentöne des menschlichen sexuellen Daseins. Das Wort wird Schwulen auf den Straßen Yerevans hintergerufen, Nuard muss den Kindern angewöhnen, es als wissenschaftlichen Begriff zu verwenden. Als die NGO eine Broschüre für Schulen herausgeben wollte, musste der Titel geändert werden: Was vorher „Gender Equality“ heißen sollte, wurde in „Men and Women. Different but equal“ umgetauft. 

Aufklärung im sexuellen Sinne besteht aus einem Paragraphen im Curriculum armenischer Schulen. Der Sportlehrer ist dafür verantwortlich und oft selbst zu beschämt, um den Paragraphen zumindest vorzulesen. Schüler nehmen ihn dann mit nach Hause und lesen ihn sicher etwa so gründlich, wie Kinder in diesem Alter ihre Hausarbeiten bearbeiten. An dieser Stelle rettet vermutlich paradoxerweise die strenge Religion und besagte Hochzeits-Regelung die jungen armenischen Mädchen vor Teenager-Schwangerschaften. 

Christlich oder muslimisch, ich frage mich, was hier die verbindende Linie ist zwischen der Türkei und Armenien und vermutlich noch ganz vielen anderen Ländern und Religionen. Immer ist es die Religion, die Unterdrückung rechtfertigt und irgendwie „erklärt“. Dann wiederum sind es so viele Götter und so viele Schriftstücke, die dafür herhalten müssen, dass mir auf erschreckende Weise bewusst wird, wie viele Männer weltweit und seit Jahrhunderten und Jahrtausenden nach Wegen gesucht haben, ihre Frauen im Zaum zu halten. 

Nuard, Taline und all die anderen lassen sich aber nicht mehr so leicht zähmen. Genauso kämpfen auch meine türkischen Freundinnen auf ihre ganze eigene Art und Weise für mehr Luft zum Atmen, Bewegen, Leben. Sie machen das auf ihre Weise und versuchen, sowohl ihre traditionsbewussten Eltern im Boot zu behalten, wie auch ihre ganz großen Träume von einem selbstbestimmten Leben als Frau. 

Nach dem Gespräch mit Nuard laufe ich durch die nächtlichen Straßen Yerevans nach Hause und grübele über all das Potential, das in diesen Dörfern und Städtchen in Armenien, der Türkei und anderen Ländern unter religiösen Vorstellungen und Traditionen vergraben liegt. Und irgendwie trage ich meine kurze Hose trotz Pfiffen und schmierigen Blicken an diesem Abend noch ein bisschen stolzer durch die Straßen Armeniens. Für Nuard, Taline und all die anderen starken Frauen da draußen. 

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