Mit Fingerhüten und Handpuppen in die Moderne

Wie sieht eigentlich ein Fuchs aus? Timothy Straight und seine Mitarbeiter sind sich unsicher. Rotbraunes Fell, orangebraunes Fell oder normalbraunes Fell? Sie stehen im Nähatelier „Vardenis Sewing“ und beginnen zu googlen. Immer mehr Bilder von Füchsen werden begutachtet, bis sich der Chef irgendwann durchsetzt. Orange. Die Handpuppe wird orange, schließlich geht es um den skandinavischen Markt und da kennt sich der Amerikaner mit den norwegischen Wurzeln aus.

Timothy Straight und seine Mitarbeiter sind mal wieder unterwegs. Im großen Firmenauto geht es früh morgens los zu den „producers“ – über staubige armenische Straßen, irgendwann weiter entlang am endlosen Blau des Sevan-Sees, vorbei an sonntäglichen Märkten und den überall präsenten armenischen Kirchen. Der Chef des gemeinnützigen Unternehmens “Homeland Development Initiative Foundation” (HDIF) ist immer in Bewegung. Selbst im Auto hat man das Gefühl, er kann sich kaum halten vor Freude und Aufregung, endlich einige lang bestellte Produkte abzuholen und neue Bestellungen aufzugeben. Wieder und wieder erzählt er von seinen Kunden in Kanada, den USA und Norwegen, hält über das Smartphone Kontakt und bittet seine Mitarbeiterin Araz Chiloyan, dieses und jenes Foto vom Trip möglichst schnell bei Facebook zu posten. Die Homeland Initiative Development Foundation (HDIF) ist unterwegs und Timothy Straight ist der Meinung, dass möglichst viele Menschen das wissen sollten.

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Auf dem Hinweg – der Sevan-See in der Mittagshitze, eine malerische Kirche wartet auf Besucher

Frauen als Wirtschaftsressource

“Frauen sind in diesem Land eine genauso große Ressource wie alle anderen Ressourcen”, erklärt Timothy Straight einige Tage vorher die Vision von HDIF in seinem Büro im Impact Hub Yerevan.

Inmitten von gestrickten, gestickten, gehäkelten und getöpferten Produkten sitzt der große Mann an seinem Schreibtisch und beschreibt neugierigen Besuchern seine Geschäftsidee. Der Norweger will das Potential Armeniens nutzen, wie so viele andere Initiativen auch, die im Impact Hub Yerevan in einem gläsernen “Open Office” beieinander sitzen und an der besseren Zukunft des kleinen Binnenstaates im Kaukasus basteln. HDIF exportiert handgemachte Produkte aus Armenien in die ganze Welt – von gehäkelten Fingerhüten über tierische Handpuppen bis hin zu Keramikware. Die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Beschaffung von Arbeitsplätzen sind die Ziele des gemeinnützigen Unternehmens. Wie jedes Mal in Armenien spielt auch hier wieder diese eine Frage eine entscheidende Rolle: Wie hält man die Bewohner in ihrem Land? Mit einem wirtschaftlich starken Nachbarn wie Russland und einer florierenden Diaspora-Gemeinschaft bleibt Auswandern eine Option für viele Armenier, die nach dem Ende der Sowjetunion wirtschaftlich keinen Anschluss mehr fanden.

Mit Geschäftssinn für Armenien

Wer dem ambitionierten Timothy Straight bei Facebook folgt, der merkt schnell: Hier ist ein Geschäftsmann überzeugt von seiner Idee – und immer auf der Suche nach neuen Talenten und einzigartigen armenischen Produkten. Besonders intensiv unterstützt und kooperiert HDIF mit Projekten, in denen Frauen Arbeit finden. “Women empowerment” ist das Zauberwort, das über all diesen sozialen Bemühungen steht. Wer Armenien bereist, der lernt, was das bedeutet.

An diesem Sonntag im August will Timothy Straight wieder einige seiner Projekte besuchen. Er ist immer ganz nah dran, das ist ihm wichtig. Seine Partner besucht er in regelmäßigen Abständen, zu viel wichtige Information und zwischenmenschliche Aspekte würden sonst auf dem telefonischen Weg zwischen der Hauptstadt und der Provinz verloren gehen. Armenien funktioniert noch nicht wirklich über E-Mail oder Telefon. Wer Geschäfte machen will, der muss auch körperlich anwesend sein. Man kennt sich eben in Armenien und es scheint so, als würde der wohltätige Unternehmer jeden immer noch ein kleines bisschen besser kennen.

Auf dem Weg erzählt er vom Ziel der Reise, Vardenis, einer der konservativsten Gegenden des Landes, nur wenige Kilometer von der Grenze nach Bergkarabach entfernt. Hier arbeiten Lena Yeranosyan und ihr Ehemann Armen in einer kleinen Schneiderei, die überquillt mit bunten Stoffballen und aufgewickelten Bindfäden in schwer beladenen Regalen an den Wänden. Das größte Schmuckstück an der Wand ist jedoch eine Kollektion an farbenfrohen Küchenartikeln, die Lena und ihre Näherinnen für Timothy Straight hergestellt haben – Topflappen, Tischunterleger und Ofenhandschuhe. Seit 2012 kooperiert Lena mit HDIF, fünf Frauen beschäftigt sie aktuell als Näherinnen in ihrem Betrieb. Die Damen arbeiten 6-11 Stunden die Woche, fertigen Ware sowohl für lokale Kunden als auch für das gemeinnützige Exportunternehmen HDIF.

Die Sache mit dem Fuchs

Der weitgereiste Partner aus Yerevan passt bei seinem heutigen Besuch kaum durch die Tür des Ladens, er muss sich ducken, seine beachtliche Körpergröße wirkt noch riesiger neben dem kleinen Ehepaar Yeranosyan. Hinter ihm folgen seine Mitarbeiter Araz, eine Amerikanerin mit armenischen Wurzeln, die ihren Freiwilligendienst bei Timothy absolviert und Vohan, ein Armenier, der sich vor allem um die Kommunikation mit den Projektpartnern kümmert. Armenisch kann der Chef nicht.

Jetzt soll Lena mit ihren Näherinnen nicht mehr nur Küchenartikel herstellen, der Partner braucht Fuchs-Handpuppen. Ein Kunde in Norwegen hat Interesse angemeldet. Und so beginnt die Fuchs-Diskussion:  Weil die HDIF-Mitarbeiter diese Absprachen auf Englisch führen, schaut Chefin Lena immer nur etwas hilflos lächelnd von Europäer zu Europäer in ihrem Laden und sammelt Stoffe und Knöpfe zusammen, von denen sie der Meinung ist, dass das irgendwie passen könnte. Dann geht alles ganz schnell. Diese Farbe, diese Augen und diese Ohren und schon sitzt Ehemann Armen an der Nähmaschine und versucht, in Windeseile ein erstes Modell zu kreieren.

Andrang im Nähstudio – der Designer ist in der Stadt

In der Zwischenzeit wird armenischer Kaffee gereicht und immer mehr Damen strömen in den Laden, quetschen sich auf die kleine Arbeitsbank, zwischen Lena und ihren Ehemann, bringen ihre letzten Nähprojekte mit, wollen Timothy’s Meinung hören. In Vardenis, so erzählen es zumindest die menschenleeren Straßen, ist sonst kaum etwas los. Wenn Timothy Straight in der Stadt ist – der Designer, das Tor zur Außenwelt – dann kommen sie alle in das kleine Nähstudio und diskutieren. Über Preise und Produkte, Lieferzeiten und neue Designideen. Timothy Straight blüht auf in dieser Hektik, er braucht keine Pause, liebt die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner ebenso wie die Arbeit selbst.

“Wir zerren diese Menschen in die moderne Welt, da mögen sie noch so treten oder schreien!” erklärt er sein Konzept.

Der Spruch klingt überheblich, ein wenig übermotiviert, fast schon gönnerhaft. Aber diese Worte stecken auch voller Esprit und Tatendrang. Und wer wie Timothy Straight insgesamt 14 armenische Projekte betreut und koordiniert, der weiß vielleicht auch einfach, wovon er spricht.

Exportgut Handarbeit

Gerade kommt wieder eine Näherin in den Laden, nähert sich vorsichtigen Schrittes und hält Timothy einen gehäkelten Kürbis hin, das weiße Futter quillt noch aus einer Seite heraus. Einmal mehr wird diskutiert, über Farbe und die schwarzen Streifen am Kürbis. Araz und Vohan geben ihre Ideen dazu, auch Lena versucht, ein paar Tipps zu geben, wie man den Kürbis noch “kürbissiger” gestalten könnte. Am Ende entscheidet Timothy und skizziert das Ganze auch gleich noch auf einem Blatt Papier. Dabei spricht er mit sich selbst, wirft seine Ideen wieder um, erfindet sie neu. Ein Künstler am Werk.

Der Kürbis soll vermutlich in die USA, dort naht das Halloween-Fest. Die USA, Kanada und Norwegen – hierher kommen Timothy Straight’s Kunden, hierhin werden die kleinen Stückchen Armenien exportiert, die irgendwann Nähstudios wie “Vardenis Sewing” verlassen und dann in Yerevan in große Exportkartons gepackt und versendet werden. In diesen Ländern gibt es große Diaspora-Gemeinschaften, fast zwei Drittel der Armenier lebt gar nicht im Land selbst, sondern überall auf der Welt verstreut. Sie liken HDIF bei Facebook, werden dort von social-media-geschulten Mitarbeitern wie Araz regelmäßig mit Fotos neuer Produktideen auf dem Laufenden gehalten und können schnell und direkt bei HDIF eine Bestellung aufgeben. Kurze Wege, unkomplizierte Kommunikation – der Chef weiß, wie er sein Unternehmen am Laufen hält und wie er die Diaspora-Kunden überzeugen kann. Produkte aus der Heimat, im Idealfall bestickt mit nationalen Symbolen wie dem Granatapfel oder dem Berg Ararat, sind dort beliebt – ein Stück verlorenes Zuhause in der großen weiten Welt.

Der Fuchs ist fertig. Timothy lässt Araz gleich ein Video davon anfertigen, öffnet den Mund der Handpuppe. Auf. Zu. Auf. Zu. Der große, geschäftige Mann hat seinen tierisch-kindischen Spaß mit diesem Modell. Das Video geht dann sofort nach Norwegen, per Whatsapp oder Snapchat, aber definitv in Echtzeit. Zurück im Auto hat er bereits die Antwort. Der Fuchs passt so. Vardenis mag zwar weit, weit weg liegen von Orten wie Oslo oder Los Angeles – Timothy Straight jedoch ist mittendrin.

Die Homeland Development Initiative Foundation bei Facebook

https://www.facebook.com/HDIFarmenia/?fref=ts

Vardenis Sewing bei Facebook:

https://www.facebook.com/Vardenis-Sewing-635600099824336/?fref=ts

Die Homeland Development Initiative Foundation – Website:

http://www.hdif.org/about-us/

 

 

 

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