Cypriote Anecdote II – Warum in der UN-Pufferzone Fußbälle vom Himmel fliegen

Man nehme einen grünen Stift und eine Landkarte, ziehe eine Linie – quer durch eine Stadt, durch eine Straße mit Geschäften, Wohnungen, Einkaufspassagen und Cafés. So geschehen in Nicosia, 1964, als es für einen General der britischen Peace Force (aktuelle UN Force) keine andere Lösung mehr gab, um die verfeindeten Bewohner der Stadt zu trennen und den Spannungen zwischen griechischen Zyprioten und türkischen Zyprioten entgegenzutreten.Eine grüne Linie, die Menschen plötzlich in „die im Norden“ und „die im Süden“ trennt und andere zu Flüchtlingen macht. Da hilft auch nicht die alte sternförmige Stadtmauer, die trotzig dasteht und ausschaut, als würde sie alle ihre Schützlingen innerhalb ihrer steinernen Arme dicht beisammen halten wollen.

Seit über 50 Jahren trennt die „green line“ die zypriotische Hauptstadt Nikosia und mittendrin liegt die UN-bewachte „buffer zone“ (Pufferzone). Der Streifen zwischen Nord und Süd darf in bestimmten Teilen der Stadt nur mit UN-Soldaten betreten werden und sieht in diesen Teilen aus wie aus einem apokalyptischen Hollywoodfilm. Verrostete Schilder zeugen von vergangenem Geschäftsleben, hier trank man Kaffee, dort ließ man sich die Haare schneiden. Als die grüne Linie gezogen wurde, war kaum Zeit für große Umzüge: Die Ladenbesitzer schnappten sich ihre Ware, die Häuser verbleiben aber oft bis heute in ihrem Eigentum. Die UN ließ alles, wie es war.

Fußbälle – gelandet.

Und so macht der Besucher eine Zeitreise, wenn er ein altes Einkaufszentrum betritt: Models mit 70er-Jahre-Frisur lächeln von vergilbten Plakaten, alte Zeitungen auf dem Boden zeugen von einem Kiosk und in einem Showroom steht noch der unbenutzte Toyota eines Autoverkäufers. Mit einem Grinsen öffnet der britische UN-Soldat die Autotür: „Go ahead, smell the leather seats!“ Das Auto riecht neu und ist doch längst ein Oldtimer.

Irgendwo in dieser Zone, die sich die Natur nach und nach zurückerkämpft, liegt ein breiter Platz, umgeben von türkischen und griechischen Armeeposten. In einer Hauswand klemmen Fußbälle, mittlerweile eher Fuß-Eier. Die Luft ist raus. Auch das ein Sinnbild für diesen Konflikt.

„Those footballs? Yeah, they are form the Turkish side. The Turkish soldiers like to play football and sometimes, their football comes flying over the wall into our buffer zone!“  erklärt der UN-Soldat mit einem Grinsen.

„Why don’t you just kick them back?“

-„Well, we like to play football over here too.“

Viel mehr scheint auch nicht zu tun zu sein für die UN-Soldaten, deren Mission seit fast 50 Jahren vor allem darin besteht, eine grüne Linie zu bewachen. Man mag nicht von friedlichen Zuständen sprechen, denn wer weiß, was wäre, wenn die kickenden UN-Soldaten die grüne Linie allein lassen würden. Aber irgendwie stellt man sich so auch keinen Krieg vor.
On a side note…die Pufferzone wird an anderen Stellen mittlerweile dafür genutzt, peacebuilding NGOs anzusiedeln und bikommunale Projekte zu fördern. In der obigen Anekdote geht es um den völlig verlassenen Bereich in der Innenstadt.

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