Gute Nacht, Berlin

Heute Nacht, Berlin, da habe ich dir beim Schlafen zugesehen. Da saß ich ohne ein Tröpfchen Alkohol im Blut nachts um zwei oder kurz vor drei in deinen gelben Bussen und gelben Bahnen und habe dir leise ein Schlaflied gesungen. Zu nüchtern, um noch tanzen zu wollen, zu müde, um in deinen blau-weiß-rot zerquirlten Polstern einzuschlafen. Ich war wach, Berlin, und habe dir beim Schlafen zugesehen.
Bevor ich einstieg in deine gelben Busse  und Bahnen, da saß ich irgendwo da, wo die Hipster sitzen und habe gesehen, dass du langsam müde wirst. In einem Gemüsekebap in Prenzlauer Berg hängt ein Geschäftsmann, Typ Self-Made-Businessman, über seinem Essen und seiner Zeitung und schrumpft mehr und mehr in sich zusammen. Er knickt zur Seite weg, den Ayran noch so halb im Griff, sein Körper sucht eine Lehne, die es nicht gibt, an diesem Ort, wo die Hipster sitzen. Ich frage mich, woher die Müdigkeit kommt, ob zu Hause niemand wartet im warmen Bett und Satinunterwäsche. Vielleicht aber ist auch heute wieder Samstag, dein Samstagabend, an dem du die Gören Gören sein lässt und die Maria abends zum Yoga geht und du raus darfst, zum Billard oder ins Kino und nun eben dorthin, wo die Hipster sitzen, mit deiner FAZ unterm Arm und dem Ayran in der Hand. 

Berlin, du schläfst ein, inmitten von Nerd-Brillenträgern und Dönerverkäufern, als Selfmade-Businessman und Familienvater. Das ist dir so wunderschön egal, Berlin.

Hinein in den grüngefliesten Schlund namens Alexanderplatz. Auf deinen Gitterbänken ein Mann, etwas zu dick und vermutlich nicht ganz frisch geduscht, den Kopf über der Brust, das Doppelkinn knapp über dem Rettungsring. Kurz denke ich, du bist tot, Berlin, doch dann zuckt deine Hand, kurz über dem Hals deiner abgestellten Bierflasche mit dem Stern drauf und ich weiß: Du lebst, Berlin, aber du schläfst, Berlin.

In deinen gelben Bussen dann ein weiterer Mann, nicht mehr ganz jung, wohl kaum aus einem Club entsprungen. Die Pudelmütze auf dem Kopf, die Winterjacke taugt als Daunendecke – für den Moment, Berlin, ist dein Bett eben dort, ganz hinten in dieser Dreierreihe, den Kopf ganz dicht am vor Menschen und Liebe und Lust und Alkohol beschlagenen Fenster des M41. Der Motor brummt direkt unter dir, singt sein Wiegenlied nur für dich. Neben dich quetschen sich Feierlustige und Intellektuelle, zwischen Bierlaune und Philosophierlaune. Dich kratzt das nicht, Berlin, du schläfst jetzt hier, Berlin.

Kurz vor dir sitzt ein Engelchen, die Haare blond, die Augen blau – Kunstgeschichte und Philosophie, HU Berlin, vielleicht aber auch Maschinenbau. Das Engelchen ist jung und hipp, fährt schon eine Weile mit mir mit und nun, so kurz vor Schluss, müssen auch Engel nach durchtanzten Nächten schlafen gehen und – zack – den Kopf nach vorne lehnen. Und so schlaft ihr da, der Daunendecken-Winterjacken-Mann, zurück vom verrauchten Männerabend in irgendeiner Eckkneipe, wo noch keine Hipster sitzen und sie, das Engelchen, zurück aus einem Club, wo Parties Champagnerglas und Konfetti bedeuten. Dreckig vor sauber, alt vor jung, hässlich vor schön – du schläfst, Berlin.

Zuletzt dann noch das Paar dort drüben, sie nickt an seiner Schulter ein, er mag so um die 30 sein. Kein Wort wird vorher ausgetauscht, zu müde, zu genervt, vielleicht einfach stumm vom Rausch. Sie sehen aus, als würden sie sonst nur streiten, über Küchendienst und seine Überstunden. Aber heute Nacht, in deinen gelben Bussen, da braucht sie seine starke Schulter und seine Überstunden schenkt er ihr. Ernst blickt er auf, mit wachem Blick, erduldet ihre Ermattung wie ein ruhender Fels. Einer muss wach bleiben, einer muss aufpassen, einer muss STOP drücken, aufwecken, aussteigen. Morgen wird vielleicht wieder gestritten, mit Kater im Kopf und Turbulenzen im Magen und Schmerzen im Herzen. 

Aber heute Nacht, Berlin, da wird noch geschlafen. 

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