Ein Glas Discounter-Wein auf die Zukunft!

Es ist wieder einmal Zeit. Zeit für lange Tage in der Bibliothek, für Traubenzucker-Hamsterkäufe, panische Telefonate und jede Menge Schweiß: Die Prüfungsphase naht. Täglich sieht man mehr besorgte Gesichter, die in der Mensa nur schnell etwas Essen bunkern können, bevor es zurückgeht an die Arbeit, an Anatomie und Astronomie, Handelsrecht und Hydrologie. 

Ich sehe mich selbst sitzen inmitten der rauchenden Köpfe und muss bei meiner eigenen Panik manchmal fast lächeln über all die roten Gesichter und Buchstapel, Diskussionen über Probeklausuren und mögliche Aufgabenstellungen.

Wenn ich mich in unserem stickigen Lesesaal umsehe, dann schaffe ich es manchmal, nicht mehr ein paar Studenten zu sehen, sondern das, was wir schwitzend und fluchend versuchen zu werden: All die Zahnärzte, Chirurgen, Lehrer und Historiker, Richter und Politiker von morgen sitzen um mich herum und erleben genau das, was wir später wohl mal als unsere „wunderbare Studentenzeit“ glorifizieren werden.

Heute, an der Kasse in der Mensa und abends im Bus nach Hause tragen wir noch keine weißen Kittel, haben keine Schulklasse durch den Tag geleitet oder umjubelte Reden gehalten. Wir heben noch nicht mit einer Spur Arroganz die Nase hoch, sondern vergraben sie in Büchern, haben Angst vor tückischen Professoren und hinterhältigen Aufgabenstellungen und klagen abends unseren Mitbewohnern über einem Glas billigem Discounter-Wein unser ganzes Leid.

Heute sind wir alle irgendwie noch ungeschliffen und leiden für den Erfolg von morgen. Nicht jeder von uns wird die Welt retten, einige werden es versuchen und scheitern und die meisten Lektionen hält sowieso das Leben und nicht die Uni bereit, aber irgendwie bin ich in dieser Prüfungszeit manchmal fast ein bisschen stolz auf uns. Weil wir kämpfen und leiden und schwitzen, für unser großes Ziel „Zukunft“.

Wenn ich mich im Lesesaal so umsehe, dann sehe ich keinen, der Bildung für selbstverständlich hält und sich selbst für den nächsten Gott in weiß. Jeder arbeitet für das Privileg namens Studium, der eine, indem er Berge an Karteikarten anhäuft und der andere, indem er versucht, sich endlose Vokabellisten in den Kopf zu manövrieren. Eins haben wir irgendwie gemeinsam: Auf unseren Gesichtern sieht man noch wunderbar echte Angst.

Und wenn ich abends meine Bücher einpacke, um mit all den anderen Erwachsenen von morgen endlich Richtung WG-Küche zu fahren, dann hoffe ich manchmal fast, dass uns ein bisschen von dieser Angst erhalten bleibt. Dass wir noch aufgeregt sind, vor jeder OP und jeder neuen Schulstunde, die vor uns liegt, dass die Nase manchmal trotzdem noch im Buch steckt, um etwas nachzulesen und wir unsicher bleiben, zumindest ein kleines bisschen. Mir zeigt diese Angst und dieser halbjährliche Krampf am Ende des Semesters auch immer ein ganz deutlich, was ich wirklich will und wo ich einmal ankommen möchte. Und darauf ein Glas Discounter-Wein, cheers!

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