Mit Körper und Kopf im Kaukasus

Georgien ist ein Trendreiseziel. Linienflüge aus der ganzen Welt bringen Touristen in die Hauptstadt Tiflis und die verwinkelten Gassen der Altstadt. Aber gerade auch in die Bergregionen abseits der europäisch anmutenden Großstadt lohnt sich ein Abstecher – jedoch nicht mit einer geführten Tour, sondern auf eigene Faust. Die Geschichte eines Wochenendtrips auf georgische Art, zwischen Marschrutka und Sowjet-Charme.

Zuerst ist es zu früh und dann ist es zu spät. Bei der Ankunft am Flughafen von Tiflis ist es noch zu früh für den Tag. „4 Uhr früh“ sagt der müde Reisende und greift sich an den vor Flugzeug-Mief und Ohrendruck schmerzenden Kopf. Der Großteil europäischer Flüge landet hier nachts. Angekommen im Hotel ist es zu spät, „schon 4.30 Uhr“ sagt man und weiß nicht mehr so recht, ob man sich noch hinlegen soll. Ein Pyjama fühlt sich übertrieben an. Auch wenn der Kopf noch nicht recht hinterherkommt, der Körper ist in Tiflis angekommen. Es steht am Vormittag noch eine Weiterreise an.

Kazbegi (neuere Bezeichnung: Stepanzminda) soll es sein, ein Urlaubsziel in den kaukasischen Bergen, für das jeder georgische Tourenveranstalter sich mit Tiefstpreisen unterbietet. Man ist sich aber zu individuell für so einen Tourenveranstalter und will lieber selbst fahren, mit dem Bus, der Marschrutka, wie die Georgier ihre robusten schmutzig-weißen Mini-Busse nennen. Am Busbahnhof Didube angekommen schlängelt man sich durch Horden voller Taxi-Fahrer (auch sie bieten Touren nach Kazbegi an), die jeden wandelnden Backpacker mit ihren mürrischen und fast schon gelangweilten Schreien in ihr verdrecktes Auto locken wollen. Als würden sie selbst nicht mehr so recht daran glauben, dass sich tatsächlich jemand auf die Rückbank setzen könnte.

Pinkeln mit Aussicht

Endlich ein ganz normaler Bus, es geht los Richtung „Georgische Heerstraße“. Über diese Hauptachse in das kaukasische Gebirge wurden früher Truppen transportiert, alternativ auch Studenten, die sich hierüber auf den Weg zur Universität nach Russland machten. Heute fährt man vorbei an Skeletten georgischer Hotel-Giganten und der ein oder anderen Kuh. Schneebedeckte Berge vor schneebedeckten Bergen, dazwischen Toiletten-Stops. Pinkeln mit atemberaubender Aussicht.

Stepanzminda
Von Tiflis nach Stepanzminda (Quelle: Google Maps)

Angekommen in Stepanzminda ist der Kopf immer noch nicht so wirklich bereit, zu akzeptieren, dass man sich jetzt im kaukasischen Gebirge befindet und dort hinten der weiße und über 5000 Meter hohe Berg Kasbek aus den Wolken herauswinkt. Einst soll hier Prometheus angekettet worden sein, bisher ist jedoch kein Adler in Sicht.

Gestern in Kopenhagen, heute in Stepanzminda, morgen zurück in Tiflis. Es klingt abgedroschen – aber wie klein sich die Welt manchmal anfühlt! Dem Kopf hätte eine längere Anreise sicher gut getan, der Körper trägt soeben Kopf und Gepäck hinauf in ein Airbnb mit Aussicht. Die Straße mehr Geröllhalde als Straße, am Rand noch der ein oder andere sowjetische Oldtimer.

Sowjet-Barock im Airbnb

Das Airbnb wird von Schwestern betrieben, Tamara arbeitet in der Grenzregion beim Zoll und kann ein bisschen Deutsch. Englisch mit noch mehr „bisschen“ davor. Ihr Gäste-Zimmer ist warm und der Ausblick fantastisch, das Bett eine Kreation zwischen Barock und Sowjet-Anmutung: senfgelb mit Plüsch.

Ein Gang durch den Ort führt in ein Restaurant, wo ein junger Kellner die paar Backpacker abfüttert, die Stepanzminda im kälter werdenden Herbst noch anzieht.

„Typical Georgian wine?“ fragt man und bekommt das teuerste Glas aufgetischt – auch hier weiß man, wie Tourismus geht.

Kaffee und Kuchen („Georgian style“) gibt es in einem alten roten Bus, indem sich die zwei bis drei Hipster sammeln, die es in diesem recht bäuerlichen Örtchen mit Aussicht auf die Berge noch gibt. Sie servieren Cappuccino und Latte Macchiato aus Retro-Tassen, Kakteen stehen auf dem Tisch und man kann sich diesen „Awtobus“ mit dem rauchenden Schornstein auch irgendwo auf den Straßen Berlins vorstellen. Die schlafenden Straßenhunde im Türeingang verorten den Bus dann jedoch im kaukasischen Gebirge.

Mit Chatschapuri auf den Berg

Der nächste Morgen beginnt früh. Tamara hat Frühstück gemacht. Um zwei vor halb neun steht sie bereits mahnend im Zimmer und scheucht die verschlafenen Gäste in ihre Stube. Pünktlichkeit ist kein deutsches Attribut und Privatsphäre manchmal eben ein wenig dehnbar auszulegen. Die eiserne Teekanne steht auf einem rußig alten Ofen. Den Tisch füllen Chatschapuri (Brot mit Käse gebacken) in Massen, dazu Tee und Ei. Alles, was sich ein morgendlich leerer Magen wünschen kann. „Georgischer Ketchup“ stellt sich allerdings als salzige Pflaumenmarmelade heraus und wird mit einem „interessant“ und halbherzigen Lächeln in eine Ecke des Mundes geschoben, wo nicht ganz so viele Geschmacksnerven sitzen.

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Ein georgisches Frühstück in Tamaras Küche

Mit Chatschapuri im Bauch und Rucksack auf dem Rücken macht man sich dann auf den Weg den Berg hinauf in Richtung Gergetier Dreifaltigkeitskirche – dem eigentlichen Grund, warum in diesem verschlafenen Örtchen laut Google Maps gefühlt mehr „Guest Houses“ als Wohnhäuser angezeigt werden.

Kuh, Schaf, Tourist – der Aufstieg

Wer keine Lust auf den Aufstieg hat, kann sich fahren lassen, die geländefähigen Taxen warten in Stepanzminda auf Mitfahrer. Angesichts der Sonne und klaren Sicht auf den Kasbek-Berg entscheidet man sich jedoch fürs Laufen. Neon-orangene Wegmarken führen immer tiefer hinein in das Tal, oben auf dem Hügel sieht man die Kirche und einen Glockenturm warten. Schieferplatten, wohin man auch tritt. Vorbei an einem einsam-verfallenen Turm, der aus einer Herr-der-Ringe-Kulisse stammen könnte, geht es hinauf zur Kirche. Später, oben angekommen, erklärt der Reiseführer aus Papier, dass hier alljährlich religiöse Prozessionen stattfinden und ganze Heerscharen gemeinsam den Berg hinauf pilgern, um dann im Anschluss auf den Wiesen Schafe zu opfern. Man blickt sich um und ist ganz froh, dass Kühe und Schafe im Umfeld noch friedlich vor sich hingrasen.

An der Kirche trifft man das übliche Gemisch von Touristen, ein paar Deutsche, Polen, Asiaten und Inder, auch der obligatorische Selfie-Stick wird gezückt. Rechts Berge, links Berge und dazwischen eine Kirche. Einmal tief durchgeatmet und so langsam ist der Kopf jetzt auch angekommen: Hier, jetzt, das ist der Kaukasus. Und das ist verdammt schön. Kameradschaftlich wird noch ein mitgebrachtes Chatschapuri gebrochen und geteilt, dann stapft man wieder hinunter ins Dorf, die Kamera um einige Hundert Fotos schwerer, der Körper einige Kalorien leichter (plus Chatschapuri). Auf der sandigen Straße hinunter wird man von Heerscharen von Taxen überholt und ist noch ein wenig stolzer, den Berg selbst erklommen zu haben – wer braucht schon einen Fahrer?

Etwas weniger Europa

Verschwitzt erfrischt man sich unten im Dorf noch mit einer georgischen Zitronenlimonade und genießt frisch gemachte Chinkali, gefüllte Teigtaschen, im Café „5047m“ – mit Blick auf die soeben erklommene Dreifaltigkeitskirche. Und weil es dann schon wieder „zu spät“ ist, wird der Rucksack in einen weiteren weißen Mini-Bus geworfen und die Fahrt zurück nach Tiflis beginnt.

Wer mehr Zeit hat, kann hier noch beim russisch-georgischen Freundschaftsdenkmal oder an der Festung Ananuri anhalten, die meist einheimischen Fahrgäste einer Marschrutka haben aber keine Zeit und wollen wohl einfach so schnell wie möglich zu ihrem Job oder ihrer Familie nach Tiflis – das Tempo des Busfahrers wird entsprechend angepasst, Verkehrsregeln auch.

Zurück im glitzernden und europäisch anmutenden Tiflis blickt man sich in der Stadt noch einmal um. Georgien, das ist nicht nur diese hippe Großstadt, die mittlerweile mit Linienflügen aus ganz Europa angesteuert werden kann und vom Lonely Planet bejubelt wird. Georgien, das ist auch Stepanzminda, sowjetischer Barock und Tamaras Chatschapuri. Stepanzminda fühlt sich entschieden weniger nach Europa an als Tiflis. Und man ist fast ein wenig froh darum.

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